Kapitel 1
In gleichmäßigem Rhythmus schlugen ihre Füße auf dem Boden auf, ihre Muskeln spannten und entspannten sich und der Atem floss über ihre Lippen. Liz‘ Körper war wie eine gut geölte Maschine, die sie durch den Stadtpark trug.
Der leicht modrige Duft der welkenden Blätter kitzelte in ihrer Nase, während der kühle Herbstwind den Schweiß auf ihrer Haut trocknete. Immer wieder wich Liz spielenden Kindern aus oder joggte an händchenhaltenden Paaren vorbei.
Sie war mitten im Flow und ganz bei sich selbst.
So frei und leicht fühlte sie sich nur, wenn sie lief.
Liz hätte gerne noch ewig ihre Runden durch den Park gedreht, doch das Piepsen ihrer Uhr erinnerte sie daran, dass es Zeit für den Heimweg war. Ihre Schicht im Supermarkt begann in einer dreiviertel Stunde und sie musste noch unter die Dusche.
Widerwillig bog Liz ab in Richtung Parkausgang, verließ diese ruhige Oase aus mit den golden-rot gefärbten Bäumen und kehrte zurück in die nach Abgasen und Müll stinkenden Straßen von Minneapolis. Kam es ihr nur so vor oder waren die Gerüche noch schlimmer als sonst?
Liz beschleunigte ihre Schritte, bis sie vom Joggen ins Rennen wechselte und der Atem in ihren Lungen pfiff. Erst an ihrem Wohnblock wurde Liz langsamer und hielt an den Fahrradständern an, um ihre Muskeln zu dehnen. Sie war zwar müde, aber noch lange nicht ausgelastet. Seit vier Tagen plagten Liz wirre Träume und eine nagende Unruhe. Obwohl sie dadurch kaum Schlaf bekam, fühlte sie sich gleichzeitig wie unter Strom gesetzt. Selbst jetzt, nach dem anstrengenden Lauf, kehrte keine Ruhe in ihrem Inneren ein.
»Shit«, zischte sie, fuhr sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn und setzte sich abermals in Bewegung. Statt in den Aufzug zu steigen, nahm Liz jeweils zwei Treppenstufen auf einmal in den fünften Stock. Dabei wich sie immer wieder Umzugskisten, Kinderwägen und Fahrrädern aus.
Ich hasse diesen Hamsterkäfig, dachte Liz und schob sich an den Altpapierbergen von Ms. Bathfield vorbei. Wenn die Miete nicht so billig wäre, hätte sie schon längst ihre sieben Sachen gepackt und wäre ausgezogen. Doch bei ihrer finanziellen Lage musste sie diese Kröte schlucken.
Aus der Tasche ihrer Laufhose holte sie ihren Schlüssel, steckte ihn ins Schloss ihrer Wohnung und stutzte, als er schon nach der ersten Drehung die Tür öffnete.
»Liz!«, rief es ihr aus dem Inneren der Wohnung entgegen. »Verdammt nochmal, ich dachte schon, dass du niemals zurückkommen würdest.«
Die Tür wurde ihr aus der Hand gerissen und im schmalen Flur baute sich Ramsey vor ihr auf. Seine rotbraunen Haare standen ihm wirr vom Kopf ab und er funkelte sie unzufrieden an.
»Warum bist du hier in meiner Wohnung?«, fragte Liz lauernd und ging in Richtung Schlafzimmer.
»Weil du seit Tagen unsere Telefonate abwürgst und vorgestern mitten in der Nacht einfach verschwunden bist.« Ramsey kam ihr hinterher und griff sie am Oberarm. Er wartete, bis sie sich zu ihm umgedreht hatte, ehe er fortfuhr: »Du hast nie Zeit für mich und genau deswegen bin ich hier.«
»Ich musste arbeiten.« Liz machte sich von Ramsey los und trat von ihm zurück. »Du wusstest doch von Anfang an, dass ich bei meinen drei Jobs wenig Zeit habe.«
»Das ist noch so eine Sache, die ich nicht verstehe«, sagte Ramsey und verschränkte die Arme vor der Brust. »Viele müssen ihre Studienkredite zurückzahlen, aber ich kenne niemanden, der das so verbissen macht wie du. Ist es wirklich nötig, dich so zu verausgaben?«
Liz imitierte seine Pose und fragte sarkastisch: »Ach, jetzt ist es auf einmal etwas Schlechtes, wenn man fleißig ist und schuldenfrei sein will?«
»Nein, aber du übertreibst es. Das mit uns läuft seit einem halben Jahr und außerhalb des Bettes verbringen wir kaum Zeit miteinander.«
»Ich hätte nicht gedacht, dass du so klammerst.« Statt den von ihr beabsichtigten, süffisanten Tonfall zu haben, zwängten sich die Worte wie raue Steine durch ihre Kehle.
Ramsey schüttelte den Kopf und atmete hörbar aus. »Ich glaube eher, dass du Angst hast, jemanden an dich heranzulassen. Ich mag dich, Liz, aber ich habe es auch satt, mir an deinem Eispanzer eine blutige Nase zu holen.«
Ein kaltes Prickeln glitt Liz‘ Nacken hinunter. »Tut mir leid, dass ich kein braves Frauchen bin, das immer springt, wenn du rufst. Ich habe zufälligerweise auch noch ein eigenes Leben!«
Statt zu kontern und sich wie sonst auf den Streit einzulassen, schüttelte Ramsey nur müde den Kopf. Er griff in seine Hosentasche und legte den Wohnungsschlüssel auf den Küchentisch.
»Ich hoffe für dich, dass du irgendwann nicht mehr vor allem und jedem davonlaufen musst.« Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ ihre Wohnung. Liz starrte auf die geschlossene Tür, in ihren Ohren wummerte ihr Herzschlag.
»Dann geh doch!«, schrie sie ihm hinterher, obwohl er sie sicher nicht mehr hörte.
Mit einem Knurren wirbelte sie herum, ging ins Badezimmer und zog sich aus. Sie konnte sich nicht weiter mit Ramsey und seinen falschen Ansichten herumschlagen. In zwanzig Minuten musste sie im City-Market an der Kasse stehen.
Sie wartete nicht, bis das Wasser der Dusche warm wurde, sondern stellte sich sofort darunter. Der Kälteschock war willkommen, lenkte Liz aber nicht lange genug ab. Sie rieb das Duschgel fester als nötig über ihre Haut, doch auch das half nicht. Die Unruhe in ihrer Brust dehnte sich aus, erfasste ihren ganzen Körper und trieb sie halb in den Wahnsinn.
Verdammter Ramsey!
Sie hätte damals nicht auf seine Flirtversuche eingehen sollen. Doch er hatte immer wieder bei der Pizzeria bestellt, bei der sie an den Wochenenden auslieferte, und irgendwann war sie schwach geworden. Sie war Opfer seines guten Aussehens und ihrer Hormone geworden. Etwas, das ihr so schnell nicht mehr passieren würde.
Wer brauchte schon einen Kerl, wenn das batteriebetriebene Spielzeug sehr viel effizienter war und dabei keine lästigen Ansprüche stellte?
Mit diesen Gedanken im Kopf stieg Liz aus der Dusche und trocknete sich ab. Sie flocht ihr langes, noch feuchtes Haar zu einem Zopf, zog sich schwarze Jeans und ein gleichfarbiges Langarmshirt an und steckte ihre Silberringe an die Finger. Sie griff gerade nach ihrem Rucksack, da klingelte es an der Tür.
»Ah, sieh mal einer an«, brummte Liz. Sie ging in den Flur, griff nach der Klinke und fragte, noch während sie sie herunterdrückte: »Hast du noch was vergessen oder –«
Weiter kam sie nicht, denn im Hausflur stand nicht der reumütige Ramsey, sondern eine kleine Frau mit Brille und Tweed-Kostüm. Sie war sicher über fünfzig Jahre alt, untersetzt und Liz hatte sie noch nie zuvor gesehen.
»Ähm, kann ich Ihnen helfen?«, fragte Liz zögerlich.
»Ich denke schon«, erwiderte die Frau mit einem französischen Akzent. »Mein Name ist Celeste Lafayette und ich bin auf der Suche nach einer gewissen Otulissa Kilbride. Sind Sie das?«
Wie immer, wenn jemand ihren vollen Vornamen aussprach, verzog Liz das Gesicht. Dennoch antwortete sie: »Ja, das bin ich.«
»Sehr gut.« Ms. Lafayette öffnete die Klappe ihrer Aktentasche, zog eine Visitenkarte heraus und überreichte sie Liz. »Ich bin Notarin und würde gerne mit Ihnen über den Nachlass Ihres Vaters sprechen.«