»Was?«
Das Wort war kaum mehr als ein Hauchen. Liz machte einen Schritt nach hinten. Kälte kroch in ihre Knochen und in ihren Ohren klingelte es. Sie war nicht in der Lage, die Hand zu heben, um die Visitenkarte entgegenzunehmen.
Ms. Lafayette schien das nicht weiter zu stören. Sie senkte ihre Hand mit der Visitenkarte und räusperte sich. »Könnten wir das Gespräch eventuell in Ihrer Wohnung fortführen?«
»Ich … muss eigentlich gleich zur Arbeit.«
»Keine Sorge, Ms. Kilbride. Unser Gespräch wird nicht lange dauern.«
»Okay.« Mit steifen Gliedern trat Liz zur Seite und beobachtete, wie die Frau im Tweed-Kostüm über die Schwelle trat. Schnurstracks ging sie in den kleinen Wohnbereich und setzte sich auf einen der beiden Stühle am Esstisch. Liz folgte ihr zögerlich, ihre Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Sie war froh, ebenfalls zu sitzen.
»Es war wirklich nicht leicht, Sie ausfindig zu machen«, sagte Ms. Lafayette. Dabei zog sie einen dicken Umschlag aus ihrer Tasche, öffnete ihn und sortierte die Unterlagen auf der Tischplatte. »Sie sind in den letzten elf Jahren sehr viel umgezogen. Es hat mich mehrere Tage und sehr viele Telefonate gekostet, ihre Spur zu verfolgen.«
»Hm«, murmelte Liz. Noch immer ergaben die Worte der Frau kaum Sinn.
Ihr Vater? Nachlass?
»Nun denn«, fuhr Ms. Lafayette fort, atmete tief ein und setzte ein geschäftsmäßiges Lächeln auf. »Wollen wir beginnen?«
»Ich …« Liz schluckte und schüttelte den Kopf. »Ich bin verwirrt. Sind Sie sicher, dass Sie zu mir wollten?«
»Sie sind doch Otulissa Kilbride, Tochter der verstorbenen Darlene Kilbride, geborene Franklin, und von Harvey Kilbride?«
»Ja, die bin ich«, antwortete Liz. Allmählich wich die Kälte des Schocks einer alten Wut.
»Dann sind Sie die Person, die Harvey Kilbride zu seiner Alleinerbin bestimmt hat.«
»Er ist also wirklich tot?«
Die Anwältin blinzelte mehrmals, ehe sie nickte. »Ihr Vater ist vor vier Tagen leblos aufgefunden worden. Herzversagen. Mein Beileid.«
Liz stieß die Luft hörbar aus. Herzversagen – wie lächerlich. Als hätte Harvey Kilbride je eines gehabt. Ein Teil von ihr wusste, dass sie nun traurig sein sollte, aber sie brachte die nötige Emotion einfach nicht auf. Stattdessen breiteten sich alter Schmerz in ihr aus.
»Ihr Beileid ist unbegründet«, antwortete Liz. »Er ist schon vor Jahren für mich gestorben und ich will nichts mit ihm zu tun haben. Andernfalls wäre ich nicht aus dem Internat abgehauen, in das er mich abgeschoben hat.«
Ms. Lafayette schob die Brille höher auf ihre Nase und räusperte sich. »Nun, über diesen Sachverhalt weiß ich nichts und er ist auch nicht Bestandteil des Nachlasses von Mr. Kilbride.«
»Ich will nichts von ihm«, presste Liz hervor. Sie senkte den Blick auf ihre Hände, die zu Fäusten geballt auf ihren Oberschenkeln ruhten.
»Nun, ich schlage dennoch vor, dass Sie sich erst einmal anhören, was Ihr Vater Ihnen hinterlassen hat, und dann entscheiden.«
Einige Augenblicke rang Liz mit sich. Einerseits wollte sie Ms. Lafayette sofort aus ihrer Wohnung werfen und damit auch die Erinnerung an den Mann, der sie im Stich gelassen hatte, als sie ihn am meisten gebraucht hätte.
Andererseits kam Liz ohnehin schon zu spät zur Arbeit … und sie war neugierig. Wenn ihr Erzeuger ihr schon im Leben nichts als Kummer bereitet hatte, so war er vielleicht wenigstens nach seinem Tod hilfreich.
»In Ordnung.« Liz griff nach ihrem Handy und schrieb ihrer Schichtleiterin eine Nachricht.
In der Zwischenzeit griff Ms. Lafayette nach dem ersten Stapel Papiere und reichte sie Liz. »Ihr verstorbener Vater war Besitzer einer Immobilie inklusive zugehörigem Laden in Silver Creek, Kanada.«
»Wo genau soll das sein?«
»Zweihundertvierzig Meilen von der US-Grenze entfernt, im Sudbury District des Bundesstaates Ontario.«
Liz nickte. Sie hatte noch nie von diesem Silver Creek gehört. Es wunderte sie jedoch nicht, dass ihr Vater … nein, dass Harvey aus der Stadt fortgezogen war, wo sie als Familie gelebt hatten.
Bevor alles zerbrochen war.
»Die Immobilie ist schuldenfrei und verfügt, abgesehen von dem Gewerbeteil, über drei Wohnungen. Eine hat ihr Vater selbst bewohnt, eine ist vermietet und eine steht leer. Hier sind die entsprechenden Dokumente inklusive eines Wertgutachtens.«
Abermals reichte Ms. Lafayette ihr die Unterlagen. Liz‘ Augen huschten über die engbedruckten Seiten …
… und sie schnappte nach Luft, als sie den Schätzwert der Immobilie entdeckte.
»Siebenhundertfünfzigtausend? In US- oder kanadischen Dollar?«
»US-Dollar«, antwortete Ms. Lafayette. »Außerdem besaß Ms. Kilbride ein Vermögen von einhunderttausend US-Dollar, verteilt auf diverse Aktiendepots, Pfandbriefe und Geldmarktkonten.«
Liz legte die Unterlagen vor sich auf den Tisch und starrte die Notarin an. Wie Herbstlaub im Wind wirbelten die Zahlen in ihrem Kopf umher. Solch eine hohe Summe war surreal und – das musste Liz zähneknirschend zugeben – sehr verlockend.
Da sie schwieg, fuhr Ms. Lafayette fort: »Sollten Sie das Erbe antreten, würden alle Vermögenswerte an Sie übertragen. Allerdings unter einer Bedingung.«
»Welche?«, fragte Liz misstrauisch.
»Ihr Vater hat in seinem Testament verfügt, dass Sie erst dann Zugriff auf das gesamte Vermögen erhalten, wenn Sie nach Silver Creek ziehen und dort ein Jahr lang sein Geschäft weiterführen. Sobald diese Frist abgelaufen ist, steht es Ihnen frei, über die Immobilie und anderen Werte nach Ihrem Belieben zu verfügen.«
Ein sarkastisches Auflachen entschlüpfte Liz. Sie legte die Unterlagen zurück auf den Tisch, lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und schüttelte den Kopf. Natürlich machte ihr Erzeuger ihr auch noch über seinen Tod hinaus das Leben schwer.
»Ist so etwas überhaupt rechtens?«, fragte Liz.
»Nun, ja.« Die Notarin strich sich über das Revers ihres Tweed-Kostüms. »Auch wenn ich zugeben muss, dass solche Klauseln eher ungewöhnlich sind.«
Ja klar, dachte Liz. Es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein.
Ms. Lafayette schichtete die Unterlagen wieder zu einem Stapel. »Ich weiß, dass das alles im Moment für Sie überwältigend sein muss. Sie müssen mir auch nicht sofort Ihre Antwort mitteilen. Ich lasse Ihnen die Unterlagen hier, zusammen mit meiner Visitenkarte. Lesen Sie sich alles in Ruhe durch und informieren Sie mich anschließend.«
Langsam nickte Liz. »Gibt es eine Frist?«
»Bis zum Ende des Monats«, antwortete Ms. Lafayette. »Sollte ich bis dahin nichts von Ihnen hören, gilt das Erbe als ausgeschlagen und geht an eine gemeinnützige Organisation.«
»Verstehe«, murmelte Liz. Sie hatte also noch zehn Tage, um sich zu entscheiden, ob sie ihr Leben ein letztes Mal von Harvey Kilbride bestimmen ließ oder nicht.
»Haben Sie im Moment noch Fragen an mich?«
Liz schüttelte den Kopf, woraufhin Ms. Lafayette nach ihrer Aktentasche griff und sich erhob. »Dann will ich Sie nicht länger stören, Ms. Kilbride. Nochmals mein herzliches Beileid.«
»Danke«, antwortete Liz automatisch. Sie geleitete die Notarin aus der Wohnung, verabschiedete sich von ihr und schloss die Tür.
Einige Augenblicke starrte sie auf das zerkratzte Holz, ehe sie sich umdrehte. Mit steifen Gliedern ging sie zurück zum Esstisch.
Dort lagen noch immer die Dokumente, fein säuberlich gestapelt und so unschuldig daran, dass sie Liz‘ Leben innerhalb von wenigen Minuten komplett auf den Kopf gestellt hatten. Erinnerungen, die sie seit langem begraben hatte, kratzten nun wieder an ihrem Bewusstsein und wollten sie innerlich abermals zum Bluten bringen.
»Nein«, wisperte Liz und ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass die Nägel sich in ihr Fleisch bohrten. Diese Zeit war vorbei und sie würde sich nicht mehr von ihrer Vergangenheit verletzen lassen. Sie brauchte einen klaren Kopf, um über dieses Erbe zu entscheiden.
Dreihundertfünfzigtausend Dollar waren eine Menge Geld. Würde Liz es annehmen, wäre sie mit einem Schlag all ihre Studienschulden los. Sie könnte aufhören, sich mit drei Jobs die Seele aus dem Leib zu schuften, und endlich für die Zeitungen schreiben, deren Themen sie interessierten, statt immer nur die Texte zu verfassen, die das meiste Geld brachten.
Liz fühlte sich wie ein Esel, dem man eine riesige Karotte vorhielt. Es war erniedrigend und doch so verlockend.
Mit einem Mal schlug ihr Herz heftig gegen ihre Rippen, ihre Haut kribbelte wie verrückt und ihre Sicht verschwamm. Fluchend presste sie sich eine Hand auf die Brust und atmete bewusst tief ein und aus. Solche Attacken plagten sie schon seit Tagen – zusammen mit den wirren Träumen in der Nacht.
Es dauerte einige Sekunden, ehe der Spuk vorbei war. Liz setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. Waren diese Anfälle nicht der beste Beweis dafür, dass sie kurz vor einem Burnout oder einem Nervenzusammenbruch stand?
Wieder sah sie zu den Unterlagen. Langsam griff sie danach und ging sie durch, Seite für Seite. Anschließend holte sie ihr Tablet und gab den Namen der Stadt in die Suchmaschine ein. Silver Creek war ein kleiner Punkt am Highway hundertvierundvierzig. Rundherum schien es nur endlose Wälder zu geben, die nächste Stadt Sudbury war ein gutes Stück entfernt.
Ein Schauer lief über Liz‘ Rücken. Mit einem Mal wurde sie von Sehnsucht erfasst. Nicht, weil in dieser Stadt ihr Erzeuger gelebt hatte – nein, deswegen ganz sicher nicht – sondern bei der Aussicht auf so viel Grün, so viel Natur und vor allem Ruhe um sich herum.
Sollte sie das Testament annehmen, brauchte sie sich über Kost und Logis keine Gedanken mehr zu machen, sondern wäre auch endlich der Beton-Hölle von Minneapolis entkommen. Wie schwer konnte es schon sein, ein …
Liz runzelte die Stirn, blätterte in den Unterlagen nach der Urkunde der Immobilie und der Art von Gewerbe, die Harvey Kilbride betrieben hatte.
»Pawn of Wolves«, murmelte sie vor sich hin und schüttelte den Kopf. »Na ja, ich werde es schon schaffen, ein Pfandleihhaus zu betreiben.«
Aber … sollte sie das wirklich tun?
Dieser Gedanke kreiste unablässig in Liz‘ Kopf. Ihr anfänglicher Schock und der Zorn waren verflogen, so dass sie nun rationaler über die Sache nachdenken konnte. Den Anflug eines schlechten Gewissens, weil sie keine Tauer über den Tod von Harvey Kilbride verspürte, ignorierte Liz. Es war so, wie sie der Notarin gesagt hatte: Ihr Erzeuger war an dem Tag für sie gestorben gewesen, als er sie in das Internat abgeschoben hatte.
Welch Ironie war es da, dass er sie nach seinem tatsächlichen Ableben quasi zu sich zurückholte?
Liz lachte kalt vor sich hin und schüttelte den Kopf. Obwohl sie vor kaum einer Stunde vom Laufen nach Hause gekommen war, zog Liz erneut ihre Joggingschuhe an und ging nach draußen. Sie musste sich bewegen und die nervöse Energie loswerden, die in ihrem Inneren brodelte.
In leichtem Laufschritt streifte sie durch die Straßen, zurück zum Park und dachte darüber nach, ob sie ihr Leben komplett umkrempeln sollte oder nicht.