Am späten Nachmittag wurde der Mietwagen abgeholt. Liz schloss den Laden ab und ging nach oben in die Wohnung. Im Gepäck hatte sie einen Berg Notizen, die sie am Abend noch durchgehen wollte. Ihr war zwar auf den ersten Blick nichts Illegales aufgefallen, aber dennoch blieb Liz skeptisch, was Harveys Geschäfte anbelangte.
Das Treffen mit Clay O’Rouke hatte nichts daran geändert, ganz im Gegenteil. Was war er für eine seltsame Art Freund, wenn er ganze sieben Tage nichts vom Tod ihres Vaters mitbekommen hatte?
Liz schüttelte den Kopf, betrat die Wohnung und legte den Notizblock auf den Esstisch. Anschließend zog sie sich bequeme Sachen an und ging in die Küche. Erst fand sie keinen passenden Topf für die Nudeln, dann hatte die Auflaufform einen Sprung und Liz musste alles wieder umfüllen. So dauerte es länger als sonst, den Auflauf in den Ofen zu schieben.
Als es geschafft war, ging sie ins Wohnzimmer und setzte sich auf das Sofa, da klopfte es an der Wohnungstür. Wie erstarrt blieb Liz sitzen. Doch es klopfte wieder und nun konnte sie es nicht länger ignorieren.
Zögerlich, weil alle Besuche in letzter Zeit ihr Leben durcheinandergewirbelt hatten, ging Liz in den Flur und öffnete die Tür. Im Flur stand eine zierliche Frau mit schwarzen, kurzen Haaren, die von einem Haarreif nach hinten gehalten wurden. Sie hatte ein fein geschnittenes Gesicht, das von ihren hellbraunen Augen dominiert wurde.
»Guten Abend«, sagte sie und lächelte. Es war ein wenig verrutscht und sie wirkte allgemein so nervös, dass Liz sich entspannte. So jemand würde sicher nicht versuchen, ihr Leben auf den Kopf zu stellen.
»Hi.« Da es nur eine Möglichkeit gab, wie diese Frau ins Treppenhaus gelangt war, fragte Liz: »Sie sind die Mieterin der Dachgeschosswohnung, oder?«
»Oh … ja. Tut mir leid«, sagte die Frau, wischte sich eine Hand an der Jeans ab und streckte sie Liz entgegen. »Mein Name ist Nikoletta Bellini. Aber sagen Sie bitte einfach Nikki zu mir.«
Liz ergriff die Hand der anderen. Deren Griff war zaghaft und sie ließ Liz gleich darauf wieder los. »Hallo Nikki, ich bin Liz.«
»Freut mich, dich kennenzulernen. Hast du … also hast du vielleicht einen Moment für mich?«
»Ja, komm rein.« Liz öffnete die Tür und trat zur Seite.
»Oh, danke schön.« Nikoletta Bellini tat über die Schwelle, folgte Liz an den Esstisch und setzte sich ihr gegenüber hin. Dabei huschte ihr Blick hin und her. »Ich wollte nur nachfragen, also … dir gehört jetzt das Haus? Harvey hat es dir vermacht? Die Nachlassverwalterin hatte etwas von einer Verwandten erzählt, die er beerbt hat.«
»Das ist korrekt.« Liz wappnete sich innerlich, ehe sie hinzufügte: »Ich bin seine Tochter.«
Wie schon bei Mr. O’Rouke weiteren sich Nikkis Augen, sie lehnte sich ein Stück auf dem Stuhl zurück und blinzelte. Liz erwartete schon, dass sie ihr sagte, dass Harvey sie nie erwähnt hatte, doch statt etwas zu sagen, doch stattdessen beugte sich die junge Frau wieder nach vorn und schnupperte in Liz‘ Richtung.
»Also jetzt reicht es«, entwich es Liz frustriert. »Was ist los mit euch hier?«
»Was?«, fragte Nikki irritiert.
»Gestern schon Mr. Robertson in der Bäckerei gegenüber, heute dieser penetrante Mr. O’Rouke und jetzt auch noch du. Ich dusche regelmäßig und benutze ein Deo, warum also schnüffeln alle ständig an mir?«
»Das … oh, weißt du … das ist gar nichts«, wiegelte Nikki ab. »Welches Deo benutzt du denn? Es riecht echt toll und ich bin auf der Suche nach einem neuen. Ehrlich.«
Ja klar, dachte Liz sarkastisch. Normalerweise hätte sie jetzt nachgebohrt und ihr Gegenüber erst dann in Ruhe gelassen, wenn sie ihr die Wahrheit gesagt hatte, aber Liz beließ es dabei.
»Ich benutze ein ›Cotton Dry‹-Deo.«
»Ah, danke«, erwiderte Nikki, ehe sie den Kopf zur Seite neigte. »Weißt du, wenn ich so darüber nachdenke, hat Harvey dich einmal erwähnt. Das ist schon eine Ewigkeit her und er wollte auch nicht weiter über dich sprechen.«
Überrascht hob Liz eine Augenbraue. »Ach?«
Die junge Frau nickte, dann rutschte sie auf einmal auf ihrem Stuhl hin und her. »Es tut mir leid, dass ich mich erst jetzt vorstelle. Ich war die letzten Tage zu Besuch bei meinen Eltern. Harveys Tod … das hat mich doch mitgenommen.«
»Verständlich«, erwiderte Liz. Harvey war wohl zu freundschaftlichen Beziehungen fähig gewesen, denn auch Mr. O’Roukes hatte seine Betroffenheit nicht nur vorgetäuscht.
»Daher wollte ich mich gleich nach meiner Rückkehr bei dir vorstellen«, erklärte Nikki. »Meine Großmutter hat immer gesagt ›Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf gestern‹.«
Verwirrt zog Liz die Brauen zusammen. »Ähm, ich glaube, das heißt ›morgen‹.«
»Wie bitte?«
»Der Spruch geht ›Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen‹.«
»Oh … oh, du hast recht!« Nikki schlug sich eine Hand vor den Mund und ihre Wangen röteten sich. »Tut mir leid, ich habe einfach kein Talent für Sprichwörter. Das passiert mir die ganze Zeit und doch kann ich das irgendwie nicht abstellen.«
Liz nickte und versuchte gar nicht erst, ihr Grinsen zu unterdrücken. Ganz offensichtlich war ihre Mieterin eine nette, wenn auch leicht schusselige junge Frau. Mit ihr würde Liz sicher gut auskommen. Da kam ihr ein Gedanke. Aber sicher! Das musste der Grund sein, warum Nikki so nervös und fahrig war.
»Du willst sicher wissen, was mit deinem Mietvertrag passiert«, mutmaßte Liz.
»Ja«, erwiderte Nikki und presste kurz die Lippen aufeinander.
»Mach dir keine Sorgen, ich will an dem Vertrag nichts ändern. Du kannst gerne weiter hier wohnen, wenn du möchtest.«
Von einer Sekunde auf die andere hellte die bedrückte Miene ihres Gegenübers sich auf. »Ehrlich?«
»Aber natürlich«, beteuerte Liz. »Du scheinst eine nette Person zu sein und ich habe mit dem Laden unten sicher genug um die Ohren, so dass für eine neue Mietersuche keine Zeit ist.«
»Ich finde dich auch nett«, sagte Nikki. »Und ich bin wirklich eine sehr unkomplizierte Mieterin, das schwöre ich dir! In den drei Jahren, die ich hier wohne, habe ich nicht einen Tag zu spät die Miete gezahlt. Außerdem habe ich keine störenden Hobbys oder ähnliches.«
»Gut zu wissen.«
Nikki atmete erleichtert aus und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Alle Anspannung wich aus ihren Schultern und ihr Lächeln sah nicht länger aus, als würde ihr jemand eine Pistole in den Rücken drücken.
Die Stille zwischen ihnen wurde von dem Piepsen der Backofenuhr unterbrochen.
»Das ist mein Auflauf«, sagte Liz und erhob sich.
»Oh, ich wollte dich nicht stören!« Nikki stand ebenfalls auf. »Du hattest sicher einen anstrengenden Tag. Ich wünsche dir einen guten Appetit und vielleicht … vielleicht trinken wir mal einen Tee zusammen?«
Liz schaltete den Ofen aus und drehte sich zu Nikki um. »Das würde mich freuen.«
»Mich auch.« Nikki strebte zur Wohnungstür und Liz folgte ihr. Irgendwie hatte sie das Gefühl, als wäre es mit dieser Nachbarin zur Abwechslung mal anders als in Liz‘ früheren Wohnkomplexen. Nikoletta Bellini wirkte so, als wäre kalte Anonymität für sie ein Fremdwort.
An der Wohnungstür angekommen drehte sich Nikki um. »Ich wünsche dir noch einen schönen Abend.«
»Danke, dir auch.«
»Es wird wohl eher ein kurzer Abend, ich stehe immer früh auf. Getreu dem Motto ›Der frühe Vogel fängt den Käfer‹.«
»Den Wurm.«
»Was?«, fragte Nikki, dann lachte sie verlegen und sagte: »Stimmt. Tut mir leid.«
Liz winkte ab, ihre Nachbarin verabschiedete sich und Liz schloss die Tür. Amüsiert schüttelte sie den Kopf, ging in die Küche und holte den Nudelauflauf aus dem Ofen. Der herzhafte Duft von Tomatensauce und Käse ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Mit einem Mal merkte sie, wie hungrig sie war, und verbrannte sich prompt bei den ersten Bissen die Zunge. Anschließend zwang sie sich, langsamer zu essen, während sie einen Podcast hörte.
Drei Stunden später bereute Liz, den gesamten Inhalt der Auflaufform in sich hineingestopft zu haben.
Denn entweder lag es am fettigen Essen, dass sie sich schwitzend im Bett hin und her warf, statt zu schlafen, oder sie hatte sich doch etwas eingefangen. Die Symptome jetzt, zusammen mit denen der letzten Tage, waren ein ganz deutliches Warnsignal. Sie musste sich dringend einen Arzt suchen, um sich durchchecken zu lassen.
Denn in jedem Fall war es nicht normal, was mit ihrem Körper ablief. Ihre Muskeln zitterten, feucht-kalter Schweiß überzog ihre Haut und ihre Hände und Füße kribbelten, als würden winzige Insekten daran knabbern. Gleichzeitig hämmerte ihr Herz heftig gegen ihren Brustkorb, obwohl sie flach auf dem Rücken lag.
Fühlte sich so ein Herzinfarkt an? Liz hatte einmal gelesen, dass Frauen andere Symptome als Männer hatten: Übelkeit statt einem Stechen in der Brust, Rückenschmerzen statt einem tauben linken Arm und starke Erschöpfung.
Aber statt sich schlappt zu fühlen, barst Liz beinah vor Energie. Hinzu kam, dass sie glaubte, die Geräusche von der Straße wie durch einen Verstärker zu hören. Ganz zu schweigen von ihrem Geruchssinn, der ebenfalls Amok lief. Als sie den fauligen Gestank von Abfall in die Nase bekam, sprang sie auf und rannte ins Badezimmer.
Dort würgte sie, aber übergab sich nicht. Ob das gut oder schlecht war, wusste Liz nicht.
Schwer atmend hielt sie sich am Waschbecken fest und ließ den Kopf hängen. Noch immer pumpte ihr Herz wie verrückt, sie trommelte nervös mit den Fingernägeln auf der Keramik.
»Ich muss hier raus«, wisperte sie. Der Gedanke wirkte wie ein Startschuss. Als wäre der Leibhaftige hinter ihr her, riss sich Liz ihren Schlafanzug vom Körper und stieg in ihre Laufsachen. Sie brauchte drei Anläufe, um ihre Schuhe ordentlich zu binden, so sehr zitterten ihre Hände.
Der letzte rationale Teil ihres Gehirns veranlasste sie dazu, den Schlüssel in die eingenähte Tasche ihrer Leggins zu stecken, ehe sie die Wohnung verließ. Schon auf dem Weg nach unten machte sie sich einen hohen Pferdeschwanz.
Der erste Atemzug kühler Nachtluft im Hinterhof war regelrecht berauschend. Da Liz noch keine Gelegenheit gehabt hatte, sich eine Joggingstrecke zu suchen, beschloss sie, die Hauptstraße entlang in Richtung Highway zu laufen. Sie würde zur Not so lange hin und her rennen, bis endlich diese brennende Energie in ihrem Inneren erloschen war.
Liz lief los, bog auf die Hauptstraße ein und wandte sich nach Norden. Es waren nur wenige Autos unterwegs und noch weniger Leute. Ganz anders als in der Großstadt lagen hier in Silver Creek die Menschen um halb elf in ihren Betten, statt wie Besessene durch die Nacht zu rennen.
Die ersten Meter waren noch ungewohnt, doch dann fand Liz ihren Rhythmus. Vor Erleichterung, endlich ein Ventil für ihre Unruhe gefunden zu haben, brannten Liz‘ Augen und sie erhöhte ihr Tempo.
Schon bald ließ sie das Ortsschild hinter sich und statt der Straßenlampen erhellte das Mond- und Sternenlicht den Asphalt. In der Stadt hatte sie nie so viele Lichter am Nachthimmel gesehen. Auch war die Luft nie so klar, so süß und voller natürlicher Aromen gewesen.
Liz lief, bis Silver Creek hinter ihr nur noch ein kleiner Punkt war, dann drehte sie um und machte sich auf den Weg nach Süden. Abermals durchquerte sie die Ortschaft und verließ sie dieses Mal auf der anderen Seite. Mittlerweile hatte der Druck in ihrem Inneren nachgelassen, doch von Erschöpfung war Liz noch meilenweit entfernt. Vielmehr hatte sie das Gefühl, locker einen Marathon zu schaffen. Ihr Kopf war frei und ihr Körper leicht wie eine Feder. Also lief sie weiter den dunklen Highway entlang.
Bis plötzlich ihre Beine unter ihr nachgaben. Als hätte ihr jemand in die Kniekehlen getreten, schlug Liz hart auf dem Boden auf. Durch ihren Schwung kam sie von der Straße ab, überschlug sich zweimal und landete im Straßengraben. Alle Luft wurde aus ihren Lungen gepresst und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen.
»Scheiße«, fluchte sie und krümmte sich zusammen. Ihre Knie schmerzten, genauso wie ihre gesamte rechte Körperseite. Sie schmeckte Blut auf der Zunge und schluckte.
Keuchend blieb Liz liegen und machte eine Bestandsaufnahme ihres Körpers. Erst, als sie sich sicher war, keine Schmerzen in der Wirbelsäule zu fühlen, richtete sie sich auf und versuchte wieder auf die Beine zu kommen. Doch die versagten ihr abermals ihr ihren Dienst.
»Komm schon«, zischte Liz frustriert. Sie musste aufstehen und zurück nach Silver Creek. Mittlerweile sickerte Feuchtigkeit in ihre Kleidung und sie war sich sicher, dass sie nicht das einzige Lebewesen hier draußen war. Zecken waren wohl noch das Harmloseste.
Liz beugte sich nach vorn und tastete ihre Beine nach Verletzungen ab … da glaubte sie, ihr Herz würde explodieren. Wie verrückt hämmerte es gegen ihren Brustkorb, sandte Hitze von dort in ihren gesamten Körper, setzte ihr Fleisch in Brand und verkohlte ihre Haut.
Wimmernd krallte Liz ihre Hände in den feuchten Waldboden, biss die Zähne zusammen …
… und glaubte, zu halluzinieren. Anders war nicht zu erklären, dass sie winzige Flammen an ihren Füßen züngeln sah.
»Scheiße!« Liz rutschte nach hinten, fort von dem Feuer … bis sie bemerkte, dass es von innen kam. Je länger sie hinsah, desto deutlicher wurde das Phänomen. Hinzu kam die Hitze, die sich von ihren Zehen über ihren Fußrücken zum Sprunggelenk und in Richtung ihrer Waden fraß. Dabei verwandelte es ihre Schuhe und ihre Leggins in Asche.
Das Feuer stieg immer höher und höher.
»Nein«, wisperte Liz. Panisch griff sie nach feuchtem Moos und rieb damit über ihre Unterschenkel, doch die Flammen erloschen nicht – stattdessen rieselte mehr Asche herunter und offenbarte etwas, das da nicht sein konnte: Weißes, dichtes Fell.
Liz schrie auf, wollte vor sich selbst zurückweichen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht länger. Schneller und schneller fraß sich das seltsame Feuer an ihr hinauf, erreichte ihr Becken und breitete sich von ihrem Bauch auf ihren Oberkörper aus. Schreiend wand sich Liz auf dem Boden – nicht, weil es schmerzte, sondern weil sie glaubte, den Verstand zu verlieren.
Das alles war doch nicht die Wirklichkeit! Was zur Hölle geschah mit ihr?
Mehr und mehr ihres Körpers wurde von dem Feuer eingeschlossen, bis ihre gesamte Welt von Rot und Gold verschluckt wurde.