Kapitel 5

1664 Words
Harvey war … tot? Clays erste Reaktion war es, diese Frau eine Lügnerin zu schimpfen. Er hatte sie noch nie zuvor gesehen und jetzt stand sie mitten im Laden seines Freundes – mit einem Kaffee und einer Tüte vom Honey Bears in der Hand. Als wäre das ihr verdammtes Recht. »Wie …?«, fragte Clay, schluckte und fügte hinzu: »Woran ist er …? Er war doch kerngesund.« »Es hatte ein Herzinfarkt«, antwortete die Fremde. Sie stellte den Becher und die Tüte hinter sich auf den Tresen. In Clays Kopf drehte sich noch immer alles. Harvey, ein Herzinfarkt? »Wann … wann ist das passiert?« »Vor einer Woche.« »Aha«, murmelte Clay. Das erklärte, warum Harvey seine Nachrichten nicht beantwortet hatte. Außerdem lieferte es Clay den Grund dafür, warum seine Mutter am Telefon so herumgedruckst und darauf bestanden hatte, dass er sie sofort besuchen kam, wenn er wieder in der Stadt war. Bei Gelegenheiten wie diesen hasste er die Verschwiegenheit von Silver Creek, deren Bewohner es gewohnt waren, nichts nach außen dringen zu lassen. Wenigstens Dean hätte ihm eine Warnung zukommen lassen können. Ein schöner bester Freund war das. »Sie waren also ein Freund von mein … ich meine, von Harvey?« Die Frage der Frau riss Clay aus seinen Gedanken. Mittlerweile hatte sie die Arme vor der Brust verschränkt und musterte ihn mit ihren ungewöhnlichen, eisblauen Augen. »Ja, war ich.« Erst jetzt sah er die Frau genauer an. Sie war schlank, an ihren Fingern schimmerten Silberringe und weißblonde Strähnen umrahmten ihr Gesicht. Haare von der Farbe, wie er sie bisher nur bei einem Menschen gesehen hatte. »Wie standen Sie eigentlich zu Harvey?«, fragte Clay, machte dabei einen Schritt auf die Frau zu und atmete tief ein, erhaschte einen Hauch von Seife und Bergamotte. Sofort wich sie vor ihm zurück und musterte ihn, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wer auch immer diese Frau war, ihre Witterung ähnelte der seines Freundes. Doch gleichzeitig stimmte etwas mit ihr nicht. Aber was? »Ich wüsste nicht, was Sie das angeht«, sagte die Frau abweisend. »Ich kenne Sie nicht und ich muss Sie bitten, den Laden zu verlassen.« »Sie sind mit ihm verwandt, nicht wahr?«, bohrte Clay nach. »Warum sollte ich das einem Kerl erzählen, dessen Namen ich nicht einmal kenne?« »Bitte entschuldigen Sie«, sagte Clay so liebenswürdig wie möglich. »Mein Name ist Clay O’Rouke. Und Sie sind?« Er streckte die Hand aus, doch die Frau starrte darauf wie auf eine Klapperschlange, statt sie zu schütteln. »Liz«, presste sie hervor. »Hallo Liz.« Clay senkte seinen Arm, trat einen halben Schritt nach vorn und atmete abermals tief ein. »Würden Sie bitte aufhören, an mir zu schnüffeln?«, zischte die Frau. »Sagen Sie mir doch einfach, dass mein Deo versagt hat. Das wäre nicht ganz so unhöflich.« »Daran liegt es nicht«, antwortete Clay und wechselte das Thema. »Ich verstehe nicht ganz, warum ich noch nie etwas von Ihnen gehört habe. Harvey und ich haben öfter zusammengearbeitet und waren außerdem seit einigen Jahren befreundet. Aber eine Nichte hat er nie erwähnt.« »Weil ich das nicht bin«, erwiderte Liz angespannt. »Ich bin seine Tochter.« Eben noch hätte Clay geschworen, dass ihn nichts mehr schockierte. Harveys Tod war ein harter Schlag, doch das jetzt? Eine Tochter, von der Harvey nie auch nur mit einer Silbe gesprochen hatte? Ehe Clay sich aufhalten konnte, fragte er: »Sind Sie sicher?« »Ja, leider«, antwortete Liz und lachte dabei - es war ein bitterer Laut, den er einer jungen Frau wie ihr nicht zugetraut hätte. »Er war nicht der väterliche Typ und ich war wohl auch als Tochter eine bittere Enttäuschung für ihn.« »Warum sind Sie dann jetzt hier?« »Ich wüsste nicht, was Sie das angeht«, konterte Liz. Schweigend starrte Clay sie an. Ihr Kampfgeist brachte etwas in ihm zum Klingen. Sie forderte ihn geradezu heraus, sich mit ihr zu streiten, und ein Teil von Clay wollte darauf eingehen. Aber das würde nicht helfen, mehr Informationen über Harveys angebliche Tochter zu erhalten. Daher sah Clay sich demonstrativ um und fragte: »Ich nehme an, da Sie die Schlüssel zum Laden haben, werden Sie ihn weiter betreiben?« »Sieht so aus.« »Ich bin …« Clay schüttelte kurz den Kopf. »Ich war ein Geschäftspartner Ihres Vaters. Wir sehen uns also sicher noch öfter.« »Dann auf gute Zusammenarbeit«, erwiderte Liz und sah dabei so aus, als hätte sie Essig geschluckt. Clay unterdrückte ein Lächeln, nickte ihr zu und verabschiedete sich. Das Gefühl, als er das Pawn of Wolves verließ, war kalt und kratzig. Clay würde nie wieder den brummigen Harvey dort vorfinden würde, mit dem er sich heftig stritt, nur um sich dann kurz darauf bei einem gemeinsamen Abendessen zu versöhnen. Keine sarkastischen Kommentare mehr über die Artefakte, die Clay ihm brachte, und auch keine Begeisterung mehr über gute, gemeinsame Geschäfte. Clay schob die Hände in die Taschen seiner Lederjacke und zuckte zusammen, als seine Finger an das kleine Päckchen stießen, das sich darin befand. Ein in Packpapier eingeschlagenes Silberarmband, das er Harvey von seiner Reise nach Italien mitgebracht hatte. »So viel dazu.« Clay schloss die Hand um das Schmuckstück und machte sich auf den Heimweg. Seine Wohnung lag nur ein paar Querstraßen von der Hauptstraße entfernt. Auf dem Weg grübelte er über Harvey und seine entfremdete Tochter nach, deren Geruch irgendwie falsch gewesen war. Clay hatte schon von Fällen gehört, in denen das Erbe einige Familienmitglieder übersprang. Ganz eindeutig war das bei Liz der Fall und noch dazu schien sie keine Ahnung von den Geheimnissen hier in Silver Creek zu haben. Ein Hauch von Neid überkam Clay. Es war sicher schön, wenn man unwissend aufwuchs. Einfacher. So sehr er seine Familie und diesen Ort auch liebte, dieses Leben war doch eine Bürde. Eine, die der Frau ihm gegenüber erspart geblieben war. Aber warum war sie nun in Silver Creek, obwohl es offensichtlich war, dass sie nicht freiwillig gekommen war? Weil diese Gedanken ihn nicht weiterbrachten, zog Clay sein Handy aus der Hosentasche und wählte die Nummer seiner Eltern. Er hatte ein Hühnchen mit ihnen zu rupfen, weil sie ihm nichts von Harveys Tod erzählt hatten. Doch nach einer halben Minute ging nur der AB ran und Clay hinterließ eine Nachricht. Mittlerweile war er zuhause angekommen und wählte gleich die nächste Nummer. Hier wurde sein Anruf schon nach wenigen Augenblicken entgegengenommen. »Clay«, drang Beverlys weiche Stimme an sein Ohr. »Bist du schon wieder zurück? Wie verlief die Suche dieses Mal?« »Hallo Beverly.« Clay ließ sich auf das Sofa fallen und legte den Kopf in den Nacken. »Danke der Nachfrage, aber mir ist gerade nicht nach Smalltalk. Ich will lieber wissen, warum mir niemand etwas von Harveys Tod erzählt hat. Da steckst doch du dahinter, oder?« Beverly seufzte tief. »Ach Clay, es tut mir so leid. Dein Vater sagte mir, dass du irgendwo in Europa unterwegs bist. Du hättest es ohnehin nicht rechtzeitig zur Zeremonie geschafft und wir wollten dich nicht unnötig quälen.« »Bev … du weißt, dass ich dich sehr schätze und bewundere, was du alles für Silver Creek tust, aber ich bin kein Kind mehr. Geschäftsreise hin oder her, ich hätte gerne sofort von dem Tod meines Freundes erfahren.« »Es tut mir leid«, erwiderte Beverly. »Ich habe wohl meine Grenzen als Ortsvorsteherin überschritten. Aber ich wollte dich nur beschützen. Die letzten Monate … es ist noch immer sehr schwer für mich.« »Das verstehe ich«, sagte Clay möglichst sanft. »Jonas fehlt uns allen. Aber Bev … ein Herzinfarkt ist etwas ganz anderes als dieser schreckliche Unfall. Du hättest mir davon erzählen sollen.« »Ich weiß«, seufzte Beverly. »Was genau ist passiert?« »Ich habe Harvey gefunden, in seinem Laden. Wir hatten einen Termin und er ist nicht aufgetaucht. Als ich zum Pfandleihhaus bin, saß er zusammengesunken in seinem Bürostuhl. Er … er war schon ausgekühlt. Der Notarzt konnte nichts mehr für ihn tun.« Clay nickte mechanisch, das statische Rauschen aus der Telefonleitung dröhnte überlaut in seinen Ohren. Obwohl er es nun schon zweimal gehört hatte, wollte er noch immer nicht daran glauben, dass Harvey so plötzlich gestorben war. Gleichzeitig erinnerte es Clay daran, was er Beverly noch erzählen musste. Er rieb sich über das Gesicht, denn was jetzt folgte, würde seiner Freundin nicht gefallen. »Ich habe eben die neue Besitzerin vom Pawn of Wolves kennengelernt.« »Neue Besitzerin?«, fragte Beverly und zum ersten Mal schwang ein Hauch Anspannung in ihrer Stimme. »Wie ist das möglich? Harvey hatte keine Blutsverwandten, seine Besitztümer hätten an die Gemeinde übergehen müssen.« Clay schnaubte. »Der sture Hund hat wohl vergessen zu erwähnen, dass er eine Tochter hat. Sie ist Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig und heißt Liz. Sie hat dieselbe Haarfarbe wie Harvey und ähnelt ihm auch sonst, aber sie ist eine Tao.« »Sie ist ganz menschlich? Das … ist ungewöhnlich.« »Ja, aber ich habe schon gehört, dass es vorkommt. Sehr selten, aber dennoch möglich.« »Hm«, murmelte Beverly. Im Hintergrund hörte Clay, wie Papier raschelte. »Weißt du schon, ob sie in der Stadt bleibt?« »Nicht sicher, aber ich vermute es.« »Ich weiß, du bist erst zurückgekommen, aber würdest du mir einen Gefallen tun?« »Welchen?« Einen Moment herrschte Stille bei Beverly. »Würdest du diese Liz bitte ein wenig im Auge behalten? Ich informiere auch noch Dean, Nikki und noch einige andere Gemeindemitglieder. Wenn sie tatsächlich hierbleibt, dann müssen wir entsprechende Maßnahmen zu unserem Schutz ergreifen.« »Natürlich.« »Danke Clay«, sagte Beverly. »Nur gemeinsam sind wir stark.« »Ja, ich weiß. Ich melde mich bei dir.« Sie verabschiedeten sich und Clay legte auf. Mit dem Handy noch in der Hand starrte er an die Decke. All die neuen Informationen und die Ereignisse der letzten Stunden wirbelten durch seinen Kopf. Im Zentrum dieses Sturms stand eine Frau mit weißblondem Haar und einem kämpferischen Ausdruck in den eisblauen Augen. Liz Kilbride brachte schon jetzt das Leben in Silver Creek aus dem Gleichgewicht. Dabei waren sie noch immer dabei, sich von der Tragödie um Jonas‘ Tod zu erholen. Aber jetzt, da Harvey ebenfalls von ihnen gegangen war und seine verschollene Tochter nun in seinem Haus lebte, war an Ruhe nicht zu denken. »Fuck«, fluchte Clay und massierte sich die Nasenwurzel.
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