Kapitel 3

2323 Words
Zweieinhalb Tage und zwei schlaflose Nächte später saß Liz in einem geräumigen Mietwagen und fädelte sich auf den kanadischen Highway ein. Ihre Schultern waren verspannt, ihr Hintern plattgesessen und sie fühlte sich, als hätte sie den gesamten Kontinent durchquert. Dabei waren es lediglich siebenhundertsiebzig Meilen von Minneapolis bis nach Silver Creek, von denen jetzt laut ihrem Handy nur noch zwanzig vor ihr lagen. Wird auch Zeit, dachte Liz missmutig. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, seit Ms. Lafayette bei ihr geklingelt hatte. Ihre Jobs und die Wohnung zu kündigen, ihr Hab und Gut auszusortieren und schließlich die dreizehnstündige Fahrt in den Norden waren ein surreales Durcheinander in Liz‘ Kopf. Ein Gedanke jedoch stand im Zentrum des Chaos: Liz konnte sich von ihren Schulden befreien, und wenn zu diesem Zweck ihr Erzeuger ein letztes Mal ihr Leben beeinflusste, dann würde sie diese Kröte schlucken. Immerhin würde Harvey Kilbride nicht in Silver Creek auf sie warten. Liz packte das Lenkrad fester, so dass das Kunstleder leise knirschte. Ihr moralischer Kompass sagte ihr in einem fort, dass sie wenigstens ein bisschen traurig über den Tod eines anderen Menschen sein sollte, aber Liz schaffte es nicht. Nicht bei dem Mann, der einmal ihr Vater gewesen war. »Dad, bitte! Ich will nicht auf dieses Internat!« Zitternd saß Liz auf der Rückbank und starrte zu ihrem Vater nach vorne. Ihr Magen war ein schmerzhafter harter Knoten. Doch statt in den Rückspiegel zu schauen – sich mit ihr zu beschäftigen – starrte ihr Vater weiter gerade aus. »Liz, bitte keine weiteren Diskussionen mehr«, forderte er nüchtern. »Glennmoore ist eine hervorragende Schule. Wenn du dich erst einmal eingewöhnt hast, wird es dir sicher gefallen.« »Aber ich will dort nicht hin! Warum zwingst du mich, all meine Freunde zurückzulassen?« Tränen brannten in Liz‘ Augen und sie ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass ihre Nägel in ihre Handballen zwickten. »Seit Moms Tod bist du –« »Otulissa!«, unterbrach ihr Vater sie. Zum ersten Mal, seit sie ins Auto gestiegen waren, sah er sie an. Eiskalt brannten seine hellblauen Augen im Rückspiegel. »Du wirst tun, was ich von dir verlange!« »Schluss jetzt!«, zischte Liz und drehte das Radio lauter. Schlimm genug, dass sie sich kaum noch an ihre Mutter erinnerte. Warum mussten ausgerechnet diese Bilder aus ihrer Vergangenheit aufsteigen? Schon seit etlichen Meilen säumten hohe Bäume und dichtes Buschwerk die Straße. Alles war grün, orange, gelb und rot gefleckt und sah so lebendig aus. Es war, als würde die Natur sie zu sich locken. Damit sie über den weichen Waldboden lief, die klare Luft einatmete und die Zivilisation mit all ihren Komplikationen und Problemen hinter sich ließ. Die Vorfreude auf den ersten Lauf prickelte in Liz‘ Magen. Sobald sie ausgeschlafen hatte, würde sie ihre Laufschuhe schnüren. Jetzt allerdings wurde die üppige Natur am Horizont von den ersten Häusersilhouetten durchbrochen. Sofort spannte sich alles in Liz an. Ein Blick auf ihr Handy bestätigte, dass es sich dabei um Silver Creek handelte. Wenig später passierte Liz das Ortsschild und fuhr über die Hauptstraße, vorbei an einem Gemeindezentrum und einer Grundschule, vor der eine Gruppe Kinder spielte. In den Schaufenstern der Geschäftshäuser wurde offensichtlich um Touristen geworben und Liz fuhr an einem Reisebus vorbei. Silver Creek schien eine Kleinstadt zu sein wie viele, die Liz bisher gesehen hatte. »Ihr Ziel befindet sich auf der linken Seite«, informierte die Navi-Stimme sie. Liz fädelte sich auf einen der Parkplätze an der Straße ein, schaltete den Motor ab und beugte sich zum Beifahrerfenster. Dahinter erkannte sie die untere Hälfte des Gebäudes: breite Schaufenster mit kunstvollen Schmiedegittern, die an wilden Wein erinnerten, und eine grünlackierte Holztür mit einem Schild darüber. Pawn of Wolves, stand dort, hinterlegt mit den Pfotenabdrücken eines Wolfes. Ein irritierend verspieltes Detail, wenn sie bedachte, wem der Laden gehört hatte. »Egal«, murmelte Liz. Sie musste endlich raus aus dem Auto und die Schlüssel zu dem Gebäude abholen. Diese hatte Ms. Lafayette für sie in einer Bäckerei hinterlegt, die sich nach Aussage der Notarin auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand. Liz schnallte sich ab und kontrollierte ihr Erscheinungsbild im Rückspiegel. Beim Anblick der Schatten unter ihren Augen verzog sie das Gesicht. Das war der Preis dafür, dass sie sich nur ein paar Stunden Schlaf auf einem Rastplatz gegönnt hatte – während derer sie zudem noch von wirren Träumen geplagt worden war. Mit einem Seufzen löste Liz ihren Dutt, band ihn neu und schnappte sich ihre Handtasche. Beim Aussteigen knackte ihr Rücken schmerzhaft. Hoffentlich war die leere Wohnung im Haus ihres Erzeugers möbliert, damit sie nicht noch eine unbequeme Nacht vor sich hatte – denn in seiner Wohnung würde sie sicher nicht schlafen. Liz überquerte die Straße und steuerte die Bäckerei an. Honey Bears Bakery stand in goldenen Lettern über den Schaufenstern, die mit Herbstlaub und Kürbissen dekoriert waren. Warme Luft, erfüllt von den Düften nach Kaffee und Hefeteig, umhüllten Liz. Sie atmete tief ein und sofort fühlte sie sich leichter. Der Laden war hell und freundlich. An der einen Wand befand sich der Verkaufstresen mit den Auslagen, an der anderen reihten sich Tische und Bänke wie in einem Diner. Ein älteres Paar saß dort, jeweils ein Stück Torte vor sich, und unterhielt sich. Ein Mann mit weißem T-Shirt und grüner Schürze kam aus der Backstube hinter die Theke. Das musste der Besitzer sein, Dean Robertson. Er war ein Bär von einem Mann, mindestens zwei Meter groß und mit dem breiten Kreuz eines Holzfällers. »Guten Tag«, sagte Mr. Robertson. Selbst seine Stimme war tief und rumpelnd wie von einem Grizzly. »Was darf’s sein?« »Ich bin keine Kundin«, sagte Liz. »Mein Name ist Liz Kilbride und mir wurde gesagt, dass hier ein Schlüsselbund für mich hinterlegt ist.« Die dunklen Augenbrauen von Mr. Robertson wanderten nach oben, er musterte eingehend, atmete tief ein und runzelte die Stirn. »Kann ich bitte Ihren Ausweis sehen?« »Natürlich.« Liz kramte nach ihrem Pass und reichte ihn Mr. Robertson. Dieser nahm sich Zeit, das Dokument zu studieren, und warf dabei immer wieder einen prüfenden Blick auf Liz. Schließlich nickte er, gab ihm den Pass zurück, und während Liz ihn wieder in ihre Tasche schob, bückte sich Mr. Robertson und stellte eine altmodische Geldkassette auf den Tresen. »Da ist alles drin«, sagte er. »Ist nicht verschlossen.« »Vielen Dank, Mr. Robertson.« Liz griff nach der Geldkassette und war überrascht von deren Gewicht. Waren die Schlüssel aus Blei? »Warten Sie«, bat Mr. Robertson und beugte sich über den Tresen. Dabei schimmerte das Lampenlicht auf seinem rotbraunen, welligen Haar. Mr. Robertson und atmete tief ein, ehe er sagte: »Harvey hat nie von Ihnen gesprochen.« »Hätte mich auch gewundert«, antwortete Liz. »Wo waren Sie …« Mehr hörte Liz nicht von Mr. Robertsons Frage, da sie eilig das Geschäft verließ und die Straße überquerte. Mr. Robertson sah ihr durch das Schaufenster hindurch nach. »Gewöhn dich dran, Liz«, sagte sie zu sich selbst und setzte ihren Weg fort. Solche Fragen würde sie in den nächsten Tagen sicher noch mehrmals über sich ergehen lassen müssen. Sie hatte etwas in der Art erwartet, auch wenn sie nicht mit dem heißen Stich in ihrer Brust gerechnet hätte, als Mr. Robertson davon sprach, dass ihr Vater ihre Existenz verleugnet hatte. Egal, dachte Liz. Sie trat vor das Pfandleihhaus und öffnete die Geldkassette. Darin befand sich mehrere Schlüssel sowie ein Stapel Unterlagen. Liz holte den Schlüsselbund aus der Kassette und probierte einen nach dem anderen an der Ladentür aus. Nach vier Versuchen fand sie endlich den richtigen, schloss auf und betrat das Geschäft. Während sich die Tür hinter ihr wieder schloss, sah sie sich um. Das einzige Licht fiel durch die Schaufenster in ihrem Rücken und erhellte einen überraschend großen Raum. Vitrinen reichten vom dunklen Holzboden bis zur Decke. Die Luft roch eingesperrt, als wäre lange niemand hier gewesen. Ein Schauer lief über Liz‘ Rücken und sie umfasste die Geldkassette fester. Sie sah sich weiter um, während sie in Richtung des Verkaufstresens ging. In den Ausstellungsschränken befanden sich mehrere Gegenstände: eine Vase, eine Schmuckschatulle und ein alter Revolver. »Das sieht aus wie Plunder«, murmelte sie vor sich hin. Am Tresen angekommen, stellte sie die Kassette ab und musterte die altmodische Registrierkasse. Liz hatte in Minneapolis nur in aller Eile recherchiert, wie genau ein Pfandleihhaus aussah … und dieser Laden entsprach so gar nicht den Bildern im Internet. Da waren Pfandleihhäuser kleine Geschäfte gewesen, mit einer Panzerglasscheibe, wie es sie an manchen Bankschaltern noch gab. Schmierige Typen hatten dahinter gesessen, die so aussahen, als würden sie ihre Kundschaft übers Ohr hauen. Entweder war das ein Klischee oder Harvey hatte das ungewöhnlichste Pfandleihhaus betrieben, das der Kontinent je gesehen hatte. Liz schüttelte den Kopf und widmete sich abermals der Geldkassette. Dieses Mal nahm sie die Papiere heraus und überflog sie. Obenauf lag ein Schreiben von Ms. Lafayette, die Liz darüber informierte, dass ein Treuhandkonto für sie eröffnet wurde, auf das sie monatlich einen Betrag für ihre Lebenshaltungskosten und den Betrieb des Pfandleihhauses bekommen würde. »Wie Taschengeld«, schnaubte Liz und öffnete den Brief, in dem sie eine Bankkarte vermutete. Tatsächlich fiel ihr eine schwarze Kreditkarte daraus entgegen, zusammen mit einem Kontoauszug. Liz stieß einen leisen Pfiff aus, denn für die Summe auf dem Konto hätte sie locker drei Monate arbeiten müssen. Die restlichen Unterlagen befassten sich mit der Immobilie und dem Geschäft. Liz überflog sie lediglich, für mehr war sie schlicht zu müde. Für sie war nur wichtig, dass es hier eine freie Wohnung gab und diese – wenn sie sehr viel Glück hatte – auch ein bequemes Bett bot. Also legte Liz alles wieder in die Geldkassette, klemmte sie sich unter den Arm und ging in den rückwärtigen Teil des Ladens. Dort fand sie ein kleines Büro, ein Lagerraum links und eine kleine Küche rechts und eine dritte direkt vor ihr. »Privat« stand darauf und wenn Liz sich nicht täuschte, ging es hier zum Treppenhaus und zu den Wohnungen. Abermals probierte sie mehrere Schlüssel aus, ehe sie den richtigen fand und die Tür öffnete. Dieses Mal schalteten sich die Deckenlampen automatisch an und erhellten ein weißgestrichenes Treppenhaus. Der Holzfußboden war überzogen mit feinen Krallenspuren. »Hier hat wohl jemand einen Hund«, murmelte Liz. Sie ging nach oben, vorbei an der ersten Wohnung – die ihrem Erzeuger gehört hatte und die sie noch nicht betreten wollte – einen Absatz weiter ins zweite Obergeschoss. Die Dachwohnung war an eine Ms. Bellini vermietet, der wahrscheinlich der Hund gehörte. Einen Moment dachte Liz darüber nach, ob sie bei der Dame klingeln sollte, um sich vorzustellen, entschied sich dann jedoch dagegen. Ms. Bellini würde es sicher nicht nur bei einem Kommentar über Harvey Kilbride belassen. Dafür fehlten Liz definitiv mehrere Stunden Schlaf. Und Essen, nach dem Gurgeln ihres Magens zu schließen. Dieses Mal erwischte Liz sofort den richtigen Schlüssel und betrat die Wohnung. Statt dem Geruch von Staub und abgestandener Luft, wurde Liz von dem Duft einer Sommerwiese empfangen. Beinah so, als hätte wenige Stunden zuvor noch jemand gelüftet und frische Blumen aufgestellt. Doch als Liv den kurzen Flur hinunter in ein Wohnzimmer ging, waren weit und breit keine Blumen zu sehen. Vielmehr waren alle Möbelstücke mit weißen Laken abgedeckt. »Seltsam.« Vielleicht hatte Ms. Lafayette jemanden beauftragt, der am Morgen durchgelüftet und irgendwo einen Raumduft platziert hatte. Liz würde ihr dafür auf jeden Fall noch danken, aber nicht heute. Jetzt stellte sie ihre Tasche und die Kassette auf die Küchenanrichte, schlüpfte aus ihrer Jacke und ging zu den Fenstern, um sie zu öffnen. Während die kühle Herbstluft hereinwehte, zog sie vorsichtig die Laken von den Möbeln und legte sie ordentlich zusammen. Staub tanzte in der Luft und leuchtete im Licht. Raum für Raum ging Liz so ab – ein kleines Büro, ein Schlafzimmer mit breitem Bett und ein geräumiges Badezimmer mit Wanne – öffnete die Fenster und befreite die Möbel von den Abdeckungen. Anschließend stieg sie die Treppe nach unten, benutzte die Hintertür und holte ihre Habseligkeiten aus dem Mietwagen. Ihr Atem ging schwer, Schweiß rann ihren Rücken hinunter und schwarze Flecken tanzten an den Rändern ihres Sichtfelds, als sie die zwei Koffer und die Trainingstasche endlich in der Wohnung hatte. »Fuck«, keuchte Liz und wischte sich über die Stirn. »Werde ich krank oder wo ist meine Kondition hin?« Wahrscheinlich war sie in dem Loch in ihrem Magen verschwunden. Obwohl Liz nichts lieber wollte, als sich hinzulegen und zwölf Stunden zu schlafen, schnappte sie sich abermals ihre Tasche und die Jacke und suchte im Internet, wo sie in diesem Nest Lebensmittel herbekam. Zu ihrem Glück gab es einen kleinen Supermarkt ein Stück die Straße runter. Kurz darauf streifte Liz durch die schmalen Gänge und hatte Mühe damit, nicht alles in ihren Einkaufskorb zu stopfen. Ihr Magen grummelte mittlerweile lauter und sie selbst fühlte sich extrem launisch. Das ging so weit, dass Liz um ein Haar drei Teenager angeschnauzt hätte, die lieber mit dem Mädchen an der Kasse flirteten, als ihre verdammten Energiedrinks zu bezahlen. Ruhig Blut, dachte Liz und atmete bewusst tief ein … nur um beinah würgen zu müssen. Irgendeiner der anderen Kunden hatte ein grauenvolles Parfüm. Liz hielt sich eine Hand vor dem Mund, in ihre Augen traten Tränen. Seit wann zur Hölle störte sie sich so extrem an einem schlechtgewählten Aftershave? Zu ihrem Glück verschwand der Geruch gleich darauf und auch ihre Übelkeit ließ nach. Zehn Minuten später war Liz zurück in ihrer Bleibe auf Zeit und schmierte sich einen Berg Sandwiches. Den Herd oder den Ofen zu benutzen traute sie sich nicht – immerhin hatte sie keine Ahnung, ob die Geräte noch einwandfrei funktionierten. Während Liz ein Sandwich nach dem anderen verschlang, machte sie sich Notizen für den folgenden Tag. Doch schon nach dem letzten Bissen überkam Müdigkeit Liz, verstärkt durch das wohlige Gefühl ihres gefüllten Magens. Sie schleppte sich ins Badezimmer, putzte sich die Zähne und schaffte es gerade noch, einen Schlafanzug anzuziehen, ehe sie sich ins Bett schleppte. Abermals war sie überrascht davon, wie frisch und sauber auch das Bettzeug roch. Es war ihr letzter Gedanke, ehe sie in einen Schlaf voller seltsamer Träume fiel.
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