Am nächsten Morgen, nach einem kleinen Frühstück und einem Kaffee, ging Liz hinunter in den Laden. Der Tag draußen war trüb, die Leute auf der Straße trugen bereits Wintermäntel und auch Liz hatte sich für einen Rollkragenpullover entschieden. Hinzu kam, dass die Heizung des Pfandleihhauses nur widerwillig zum Leben erwachte.
Liz rieb ihre Hände aneinander, die nicht nur kalt waren, sondern an den Fingerspitzen unangenehm kribbelten. Dasselbe Missempfinden hatte sie beim Zähneputzen in ihrem Kiefer gespürt. Vielleicht entwickelte sie tatsächlich eine Erkältung.
»Lieber nicht«, murmelte sie. Sie hatte keine Lust, in einer völlig fremden Umgebung krank zu sein – sie wusste ja nicht einmal, wo die nächste Apotheke war.
Zu ihrem Glück hörte das Kribbeln auf und sie machte sich daran, die Unterlagen des Pfandleihhauses durchzugehen. Schnell bemerkte Liz, dass Harvey Kilbride kein Freund von Digitalisierung gewesen war. Unter dem Verkaufstresen lagen zwei dicke Bücher und als sie einen Blick in das Büro warf, entdeckte sie unzählige Aktenordner.
Liz ächzte und schloss für einen Moment die Augen. »Das dauert ja Jahre, bis ich da einen Überblick habe.«
Am liebsten hätte sie sofort wieder abgeschlossen und wäre nach oben an ihren Laptop gegangen, um sich bei Zeitungen und Nachrichtenagenturen zu bewerben. Aber Ms. Lafayette war eindeutig gewesen, was die Bedingungen für das Erbe betraf: Liz musste das Pfandleihhaus ein Jahr lang betreiben, was bedeutete, dass sie es auch öffnen musste. Dazu war es nötig, die Bücher zu kennen, und eventuell fand sie in den Papierbergen auch ein Verzeichnis mit Stammkundschaft.
Bei dem Gedanken sank Liz‘ Stimmung weiter. Sie wollte nichts mit den Menschen zu tun haben, die mit ihrem Erzeuger verkehrt hatten. Sicherlich würden sie dumme Fragen stellen, in Liz‘ Vergangenheit rumwühlen und wissen wollen, wo sie all die Jahre gesteckt hatte.
Aus Liz‘ Kehle zwängte sich ein Knurren, bei dem sie selbst zusammenzuckte. Solch einen Laut hatte sie noch nie von sich gegeben.
»Was war denn das?«, murmelte sie und rieb sich über den Hals. Hatte sie sich doch einen Infekt eingefangen?
Sie schüttelte den Kopf, setzte sich an den Schreibtisch und zog den ersten Ordner mit der Beschriftung »An- und Verkauf« heraus. Er war randvoll mit Quittungen, deren dünnes Papier bei jedem Umblättern raschelte. In präziser Handschrift waren Beschreibungen von Artikeln, Kauf- oder Verkaufssummen und Daten angegeben. Alle Belege stammten aus dem aktuellen Jahr und obwohl Liz keine Buchhalterin war, erkannte sie doch, dass das Pfandleihhaus gut gelaufen war.
Irritiert runzelte sie die Stirn.
Wie war das in diesem kleinen Nest überhaupt möglich?
Silver Creek lag an einem Highway, der von Sudbury in den Norden führte und eine der Hauptverkehrsadern der Gegend war. Es gab also viel Durchgangsverkehr, aber in Liz‘ Augen erklärte das noch lange nicht, wie sich ein Pfandleihhaus hier über Wasser hielt. Mehr noch, wie es regelmäßige Gewinne abwarf, die für den Aufbau eines Vermögens nötig waren. Eines, wie es ihr Erzeuger besessen hatte.
»Da ist doch was faul.«
Liz‘ Neugier war geweckt. Sie zog einen weiteren Ordner heraus, dann noch einen und noch einen und arbeitete sich damit durch die letzten fünf Jahre des Ladens. Sie hatte schon immer eine Vorliebe für investigativen Journalismus gehabt und genau hier witterte sie eine Story.
Wie sich herausstellte, waren zumeist Schmuckstücke über die Ladentheke gegangen. Ein durchaus übliches Pfand, wie Liz durch eine Suche in einschlägigen Internetforen herausgefunden hatte. Platz zwei belegten Waffen – sowohl Schusswaffen als auch Messer – und dann wurde das Feld unübersichtlich.
In regelmäßigen Abständen runzelte Liz die Stirn über die seltsamen Dinge, die Harvey Kilbride in Zahlung genommen hatte: Bücher, Schatullen, Kleidungsstücke und einmal sogar ein Bärenfell. Das war in Liz‘ Augen ungewöhnlich für ein Pfandhaus.
»Wo zur Hölle hat er das gelagert?«, fragte Liz in das stille Büro hinein und hob den Kopf. In diesem Raum sicher nicht. Sie räumte die Ordner zurück in den Schrank und wandte sich nach rechts zu den beiden Türen. Von der auf der rechten Seite wusste Liz bereits, dass sie in eine kleine Kaffeeküche führte. Die Tür links war noch verschlossen. Liz kramte den Schlüsselbund hervor und suchte den passenden Schlüssel heraus. Gleich darauf hatte sie die Antwort, wo all die Waren lagerten: Der fensterlose Raum war an zwei Wänden mit Regalen bestückt und an der dritten Wand stand ein riesiger Tresor.
Liz trat näher und stieß einen leisen Pfiff aus. Das Monstrum war größer als sie und sah antik aus. Drei Drehräder mit Zahlen befanden sich neben dem Griff zum Öffnen.
»Kein Schlüssel«, murmelte sie und zog ihr Handy heraus. Sie schrieb Ms. Lafayette eine Nachricht bezüglich der Kombination, ehe sie zurück in den Verkaufsraum ging und sich die Bücher dort ansah. Eines davon war ein Katalog aller angekauften Waren – wahrscheinlich für die Kunden – und das andere enthielt seitenweise Namen und Kontaktdaten.
Hinter manchen Namen waren einzelne Buchstaben geschrieben, mit einem anderen Stift als die Personalien. Es waren nur fünf Buchstaben, die sich in unterschiedlicher Häufigkeit wiederholten: B, W, L, K und P. Bei einigen davon war zusätzlich ein kleines Sternchen dahinter.
Eine Art Bewertungslogik? Waren die so gekennzeichneten Namen die Stammkundschaft?
»Verrückter, alter Mann«, brummte Liz unzufrieden.
Von einer Sekunde auf die andere pochte ihr Herz wie verrückt, als wolle es ihre Rippen von innen brechen. Fluchend fasste sich Liz an die Brust und kniff die Augen zusammen. Der Geschmack von Blut breitete sich auf ihrer Zunge aus. Langsam setzte sie sich hinter dem Tresen auf den Boden, spreizte die Beine und ließ Arme und Kopf dazwischen hängen. So tief wie möglich atmete sie ein, hielt kurz die Luft an und atmete anschließend wieder aus. Das Ganze wiederholte sie so lange, bis ihr Herz sich endlich wieder beruhigt hatte.
Mittlerweile war ihr Körper schweißbedeckt und ihre Muskeln zitterten. Hinzu kam ein Gefühl der absoluten Erschöpfung. Nicht einmal nach dem härtesten Lauf hatte Liz sich je so fertig gefühlt.
»Shit«, fluchte sie und leckte sich den Schweiß von der Oberlippe. Weil sie ihren Beinen noch nicht traute, lehnte sich Liz mit dem Kopf gegen den Tresen. Um sich abzulenken, was genau das eben gewesen war, spielte sie mit dem Schlüsselbund.
Einen Schlüssel nach dem anderen ließ sie durch ihre Finger gleiten … und erst da fiel ihr auf, dass einer sich von allen anderen unterschied. Neben all den modernen Schlüsseln war dieser eine altmodisch. An einigen Stellen hatte er Grünspan angesetzt und der Bart hatte feine Riefen, als wäre er über viele Jahre in einem Schloss gedreht worden.
Wo der wohl dazu gehörte?
So neugierig Liz auch war, sie verschob diese Suche auf später. Ihr Herzrasen hatte zwar aufgehört, doch dafür knurrte jetzt ihr Magen.
»Das ist doch verrückt.« Liz haderte mit sich, ob sie ihre Symptome in eine Suchmaschine eingeben sollte. Beim letzten Mal hatte das Internet ihr ein Magengeschwür attestiert, dabei hatte sie nur etwas Falsches gegessen.
»Wahrscheinlich waren es nur der Stress und Unterzuckerung.«
Liz richtete sie sich auf und stützte sich zur Sicherheit mit einer Hand an der Theke ab.
Sie könnte nach oben gehen und sich etwas kochen, doch das Loch in ihrem Magen drängte sie zur Eile. Am besten holte sie sich eine Kleinigkeit bei der Honey Bears Bakery und arbeitete dann weiter. Am Abend, wenn sie jeden Winkel des Pawn of Wolves kannte, würde sie sich ein richtiges Essen kochen.
Beflügelt von dieser Idee, ging Liz nach hinten ins Büro, schnappte sich ihren Geldbeutel und verließ den Laden.
Sofort fegte ein kalter Wind über sie hinweg und Liz verschränkte die Arme vor der Brust. Mit schnellen Schritten überquerte sie die Straße und betrat die Bäckerei. Aber im Gegensatz zum Vortag erschlug sie das Aroma im Inneren nun. Es war alles zu süß, zu zimtig, zu buttrig. Hinzu kam die Bitterkeit des Kaffees. Was sonst ihren Appetit anregte, verursachte Liz nun eine brennende Übelkeit. Sie presste sich eine Hand auf den Mund und hielt die Luft an.
Da sie aber nicht ewig dastehen konnte, ohne zu atmen, nahm Liz die Hand runter und holte vorsichtig Luft. Dieses Mal war alles wie zuvor, die Düfte dezent im Hintergrund und auch ihre Übelkeit ließ nach.
Was zur Hölle war das gewesen?
»Miss?«, fragte die Verkäuferin hinter dem Tresen. Liz bemerkte sie erst jetzt. Die Frau war Mitte vierzig, hatte einen dunkelbraunen Pferdeschwanz und lächelte freundlich. »Was kann ich für Sie tun?«
Liz räusperte sich und trat nach vorn. »Ähm, einen Kaffee bitte.«
Die Verkäuferin nickte und machte sich an dem Chrom-Ungetüm von einer Kaffeemaschine zu schaffen. Während die dunkle Flüssigkeit aus dem Sieb troff, drehte sie sich um und fragte: »Darf es sonst noch etwas sein?«
»Etwas zu essen, bitte«, erwiderte Liz. »Können Sie etwas empfehlen?«
»Die Zimtschnecken sind unsere Spezialität. Normalerweise sind die zur Mittagszeit schon ausverkauft, aber heute ist noch eine übrig.«
»Dann bitte die.«
Abermals nickte die Frau und kurz darauf verließ Liz mit ihrem Einkauf den Laden. Während sie die Straße überquerte und zum Pfandleihhaus zurückging, dachte sie über ihr Missempfinden beim Betreten der Bäckerei nach. Sicher hatte sie sich die intensiven Gerüche nur eingebildet. Schließlich wurde niemandem schlecht, nur weil es nach Zimt und Zucker roch. Auch jetzt war der Duft aus ihrer Papiertüte verlockend, statt sie zu erdrücken.
Letzte Woche war ihre Periode gewesen, also war eine Schwangerschaft unwahrscheinlich – Gott sei Dank. Aber vielleicht sollte sie doch einen Test machen und sich zusätzlich einige Tage freinehmen – falls ihre Symptome vom Stress kamen. Sicher würde Ms. Lafayette nicht von ihr verlangen, dass sie das ganze Jahr durcharbeitete. Auch Ladenbesitzer machten hin und wieder mal Urlaub, oder nicht?
Mittlerweile war sie am Pfandleihhaus angekommen, klemmte sich die Zimtschnecke unter den Arm und kramte den Schlüsselbund hervor. Liz griff gerade nach der Tür, als sie Schritte hinter sich hörte.
Jedes Haar an ihrem Körper richtete sich auf, während eine tiefe Stimme hinter ihr fragte: »Wer zur Hölle sind Sie denn?«
Liz drehte sich um und sah sich einem Fremden gegenüber. Er hatte etwas von einem Rocker, mit den zu einem Knoten geschlungenen, langen Haaren, der abgewetzten Jeans und der schwarzen Lederjacke. Er war etwa in ihrem Alter und einen Kopf größer als sie.
Das Auffälligste an ihm war eine Narbe, die sich auf der rechten Gesichtshälfte von der Stirn durch die Augenbraue bis zu seiner Wange zog. Sie sah alt aus und hob sich farblich kaum von seinem restlichen Gesicht ab. Ein sehr ansehnliches Gesicht, wenn der Mann Liz nicht mit seinen braunen Augen in den Boden starren würde.
»Ich will wissen, wer Sie sind«, wiederholte der Mann und verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei knarzte das Leder seiner Jacke, die sich um seine breiten Schultern dehnte.
Liz unterdrückte ein genervtes Stöhnen. »Warum sollte ich Ihnen das sagen?« Sie machte eine scheuchende Handbewegung und fügte hinzu: »Außerdem wäre es nett, wenn Sie mir nicht so auf die Pelle rücken. Das ist unhöflich gegenüber kleineren Personen.«
Tatsächlich trat der Mann einen Schritt zurück und gab seine einschüchternde Pose auf. »Ich frage, weil Sie sich gerade an der Ladentür eines guten Freundes zu schaffen gemacht haben.«
»Ich habe mich nicht zu schaffen gemacht, ich habe einen Schlüssel.« Zum Beweis hielt Liz den Schlüsselbund in die Höhe und ließ ihn klimpern. Sofort wanderten die Augenbrauen des Mannes nach oben.
»Woher haben Sie die?«
»Hören Sie«, setzte Liz an und gab ihrer Stimme einen verbindlichen, aber abweisenden Klang. »Es ist löblich, dass Sie so aufmerksam waren, aber Ihre Sorge ist unbegründet. Ich habe jedes Recht, in dieses Gebäude zu gehen, und damit ist diese Unterhaltung beendet. Guten Tag.«
Damit drehte sie sich um, schloss den Laden auf und ging hinein. Sie wollte gerade die Tür schließen, da schob sich ein Stiefel in den Spalt und hinderte sie daran. Nur Sekunden später wurde die Tür aufgedrückt, so dass Liz gezwungen war, nach hinten auszuweichen.
»Hey, was ist in Sie gefahren?!«, blaffte sie den Rüpel an.
»Wo steckt Harvey? Ich will sofort mit ihm sprechen, ansonsten rufe ich die Polizei.«
»Das ist doch lächerlich«, konterte Liz, aber der verrückte Fremde beharrte: »Wo ist Harvey?«
»Er ist gestorben.« Liz schüttelte den Kopf und fügte hinzu: »Einen schönen Freund hat der alte Griesgram da gehabt, der nicht einmal etwas von seinem Tod mitbekommen hat.«
Einen Moment war der Fremde völlig erstarrt und wurde bleich. Liz befürchtete schon, dass er gleich umkippen würde. Doch stattdessen sackten seine Schultern herunter, er presste die Lippen aufeinander und Schmerz huschte durch seinen dunklen Blick.